Vielen Kindern mit LRS/Legasthenie hilft ein reines Training im Lesen und Schreiben nicht nachhaltig. Neben den Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben haben viele Kinder auch emotionale und/oder Verhaltensprobleme bzw. die LRS ist mit diesen Problemen gekoppelt. Dies habe ich ausführlich auf meiner homepage unter „Für wen ist Lerntherapie?“ erläutert. Diese Kinder brauchen neben einer systematischen Förderung im Lesen und Schreiben eben auch „Therapie“. Aber wie kann das „Therapeutische“ in der Lerntherapie aussehen?

 

„Systemische“ Lerntherapie  – eine Definition

Ich stelle hier eine systemisch orientierte Lerntherapie als eine Möglichkeit von vielen vor, Kindern mit Lernschwierigkeiten tatsächlich auch „therapeutisch“ zu helfen. Systemische Lerntherapie verstehe ich als eine Kombination von klassischen Lerntherapie-Konzepten mit Methoden der systemischen Beratung bzw. der systemischen Kinder- und Jugendlichentherapie bzw. Familientherapie.

Was heißt nun eigentlich „systemisch“?
„Systemisch“ steht für eine bestimmte Art zu Denken und zu Handeln.
Systemisches Denken und Handeln:

  • heißt, vernetzt und ganzheitlich zu denken
  • geht davon aus, dass alles mit allem zusammen hängt,
  • achtet auf den Kontext von Verhalten
  • stellt Fähigkeiten und Ressourcen in den Vordergrund
  • sucht nach neuen Perspektiven und Blickwinkeln
  • versucht, Handlungsmöglichkeiten zu erweitern
  • sieht Wertschätzung als Basiswert
  • verzichtet auf Wertungen, Pathologisierungen und Etikettierungen
  • sieht Schwierigkeiten als Lösungsversuche

Systemische Beratung, Therapie und Supervision sind eigenständige, zum Teil auch von den Krankenkassen anerkannte Behandlungsverfahren.
Der Mehrwert einer systemisch ausgerichteten Lerntherapie liegt also in einer bestimmten Perspektive, einem bestimmten Blickwinkel, den man als systemische Beraterin oder auch systemische Lerntherapeutin einnimmt und aus ganz konkreten systemischen Methoden, die ich in der Lern“Therapie“ einsetzen kann.

 

Beispiele für eine systemische/therapeutische Haltung und systemisches Fragen und Arbeiten in der Lerntherapie

Bespiel Erstgespräch: In den ersten Stunden, also im Vorgespräch, aber auch in der diagnostischen Sitzung wollen Eltern häufig wissen, ob ihr Kind „Legasthenie“ hat. Den älteren Begriff „Legasthenie“ verbinde ich mit einer eher medizinisch orientierten Sichtweise. Bestimmte Personen in der LRS/Legasthenie-Debatte, die diese Sichtweise vertreten, machen sich oftmals für eine Sichtweise von Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb als Krankheit oder Behinderung stark. Sicherlich kann diese Sichtweise im Hinblick auf die Bereitstellung von Ressourcen, also im Hinblick auf die Bereitstellung von Geldern für die LRS-Förderung den betroffenen Kindern und ihren Familien helfen. In der praktischen Förderung bzw. Lerntherapie erweist es sich jedoch zumeist als außerordentlich schwierig, wenn ich als Therapeutin vor mir ein Kind sitzen habe, welches zutiefst davon überzeugt ist, eine Behinderung oder unheilbare Krankheit zu haben, die nie wieder weg geht. Ziel gerade von systemisch orientierten therapeutischen Bemühungen ist es dann, die Zuversicht, das Vertrauen in die Selbstwirksamkeit, also in die Fähigkeit, mit Schwierigkeiten umgehen und diese überwinden zu können, wieder aufzubauen. Dieses ohnehin zumeist schon kaum noch vorhandene Vertrauen bei den von LRS betroffenen Kindern und Jugendlichen sollte nicht noch zusätzlich durch die eigenen Berufsverbände untergraben werden.

Eine systemische Perspektive bietet zudem Antworten auf Fragen, die zumeist in keiner anderen Therapie/Lerntherapie vorher beantwortet wurden. Geraten klassische Lerntherapieformen an ihre Grenzen im Sinne von „Das Kind zeigt keinen erkennbarer Lernfortschritt mehr“, findet häufig entweder ein „Mehr-desselben“ oder eine Verlagerung/Fokussierung auf die vermeintliche Pathologie statt.

Was heißt das genau?

Beispiel Jan: Ich arbeite mit Jan schon seit einiger Zeit an der Großschreibung. Wenn Jan nach eingehender Regelbesprechung und nach einer gewissen Zeit des Übens die Großschreibregeln immer noch nicht eigenständig anwendet, kommt es unter Umständen in einer „normalen“ Lerntherapie entweder dazu, dass ich mit Jan noch weiter die konkreten Regeln übe („Wir besprechen das mit den Großschreibregeln am besten noch mal.“) oder ich gelange als Lerntherapeutin zu der Auffassung, dass es doch irgendwie an Jan liegt („Die Legasthenie ist einfach zu ausgeprägt bei dir.“). Beide Lösungsmöglichkeiten helfen nicht wirklich weiter.
Dieses Beispiel zeigt in meinen Augen eine der zentralen Grenzen einer klassischen Lerntherapie.
Die systemische Lerntherapie stellt an diesem Punkt des Lerntherapieprozesses weitere oder auch ganz andere Fragen und geht so über den gewohnten Rahmen hinaus. Folgenden Fragen wären an diesem Punkt zum Beispiel vorstellbar und können unter Umständen neue Aspekte im Therapieprozess zu Tage bringen: „Wäre es gut, die Probleme noch weiter zu behalten?“ oder „Was wäre, wenn die Probleme beim Lesen und Schreiben wirklich weg wären?“ Mit diesen Fragen wird deutlich, dass das Verständnis von LRS bzw. Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb aus einer systemischen Perspektive über die Vermutung etwa einer genetischen Verursachung hinaus geht bzw. eigentlich eine ganz andere Verursachung oder ganz andere Gründe für die Schwierigkeiten annimmt. In den Vordergrund rückt die persönliche Bedeutung der Schwierigkeiten für das Kind und sein Familiensystem. Mit diesen Fragen kann es möglich werden, Hintergründe für die Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb in den Blick zu nehmen, die dann eine wirkliche, nachhaltige Veränderung für das Kind und seine Familie möglich machen.
Das ist für mich der zentrale Mehrwert einer systemischen Perspektive in der Lerntherapie.

Beispiel Niklas: Auf die Frage, was wäre, wenn die Probleme beim Lesen und Schreiben wirklich weg wären, antwortete Niklas zum Beispiel sofort, er würde sich dann ein anderes Problem suchen. In der weiteren Arbeit wurde deutlich, dass Niklas „die LRS“ als einen Schonraum erlebte, in dem er besondere Aufmerksamkeit bekam und auch bestimmte Vergünstigungen, wie etwa die Befreiung von der Rechtschreibnote. Diese „Vorteile“ seiner Schwierigkeiten wollte der Junge auf keinen Fall aufgeben. Er malte sich, als er „seine LRS“ bildlich darstellen sollte, im Bauch eines Wals. Als ich ihn fragte, wie es da drin für ihn sei, sagte er, da wäre es warm und weich.

An dieser Stelle setzt dann eine mehr therapeutische Arbeit ein, die über die Arbeit an der Rechtschreibung hinausgeht. Auch die Methoden ändern sich dann. Zur Bearbeitung dieser Fragestellungen bieten systemische Methoden ein gutes „Handwerksköfferchen“. Hierzu gehören zum Beispiel szenische Methoden oder sogenannte Aufstellungen, in denen das Kind etwa mit Figuren oder Steinen das Problem LRS, sich selbst und alle anderen Betroffenen in Beziehung setzt. Aus diesen Aufstellungen ergeben sich dann wichtige Hintergründe und Ideen für die Bearbeitung der Gesamtproblematik.

 

Systemische Lerntherapie bzw. das „Therapeutische“ in der Lerntherapie – auf den Punkt gebracht

Die systemische Lerntherapie bietet also zum einen Ansätze aus der klassischen Lerntherapie, um die konkreten Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb bearbeiten zu können. Zum anderen bietet sie eine bestimmte förderliche Perspektive und Haltung dem Kind gegenüber sowie spezielle therapeutische Methoden, die bei Bedarf eingesetzt werden können. Im Verlaufe einer einzelnen Lerntherapie werden diese Elemente flexibel und auf die Bedürfnisse des einzelnen Kindes abgestimmt angewandt um (vielleicht endlich) zu einer nachhaltigen Lösungen der Gesamtproblematik zu gelangen.