Der Weg zu einer Lerntherapie und die erste Stunden

 

Wie (in der Regel) alles anfängt

Niels hat Schwierigkeiten beim Lesen und vor allem beim Schreiben. Er ist in der dritten Klasse. Die Lehrerin hat die Mutter darauf aufmerksam gemacht, dass er so langsam den Anschluss an das Niveau der Klasse verliert. Die Worte „Legasthenie“ oder „LRS“ hat sie aber absichtlich nicht in den Mund genommen. In einem späteren Gespräch sagt sie der Mutter, sie habe Niels nicht stigmatisieren wollen. In der Klasse lernen die Kinder nach der so genannten Reichen-Methode Lesen und Schreiben. Das heißt, in der ersten und zweiten Klasse sollen die Kinder einfach so schreiben, wie sie sprechen. Obwohl alle Kinder Fehler machen, macht Niels doch insgesamt mehr Fehler als die anderen. Die Lehrerin fordert die Mutter auf, sich außerhalb Hilfe zu suchen, sie könne das in der Schule nicht leisten, immerhin habe sie noch 28 andere Schüler.

 

Sabine sucht Hilfe

Die Mutter, Sabine, ist zunächst ratlos. Wo soll sie denn jetzt Hilfe finden? Sie hört sich bei ihren Freundinnen um und guckt ins Internet. Bei ihrer Recherche fällt ihr auf, dass für die Probleme ihres Sohnes wohl eine Lerntherapie angebracht wäre. Sie weiß allerdings nicht genau, was das ist, wie da gearbeitet wird und was der Unterschied zur Nachhilfe ist.

Sabine findet also ein Institut in ihrer Stadt, dass für sie und Niels auch ganz gut zu erreichen ist. Der Preis ist nicht günstig, aber es geht ja um Niels schulische und letztlich auch berufliche Zukunft.

An dieser Stelle fragt sich Sabine: „Was ist eigentlich Lerntherapie?

Was passiert da genau? Und worin unterscheidet sich Lerntherapie von Nachhilfe? Was ist gute Lerntherapie? Was ist systemische Lerntherapie?“

Meist werden die theoretischen Hintergründe der einzelnen Konzepte auf der homepage des Instituts beschrieben. Hier guckt sich Sabine schon mal um. Aber noch sind nicht alle Fragen beantwortet.

 

Die ersten Stunden in der Lerntherapie

In der Lerntherapie wird in der ersten „richtigen“ Stunde ein Lese- Rechtschreibtest gemacht. Niels muss Wörter lesen und Wörter schreiben. Er hatte etwas Angst davor. Die Therapeutin hat das in dem Vorgespräch, welches vor zwei, drei Wochen stattgefunden hat, schon angekündigt. Da das Lesen und Schreiben aber genau seine wunden Punkte sind, hat er sich gefragt, was die Therapeutin über ihn denkt, wenn er so viele Fehler macht. Die Therapeutin war aber ganz gelassen und meinte, sie fände die Fehler interessant, sie könne damit viel anfangen. Niels war ganz verblüfft! Die Therapeutin hat dann eine sogenannte Fehleranalyse gemacht, wo alle seine Fehler in Kästchen eingetragen wurden. Das hat sie dann mit ihm und mit seiner Mutter besprochen. Sie sagte, er könne schon ganz viel, es gäbe aber auch Bereiche, wo er noch was lernen müsse. An den Kästchen der Fehleranalyse konnte sie seiner Mutter ganz genau erklären, was er schon kann und woran er noch arbeiten müsse. Seine Mutter war hinterher sehr erleichtert. Er glaubt, sie fand die Erklärungen der Therapeutin sehr einleuchtend. Zum Schluss meinte die Therapeutin, sie beide, Niels und sie, würden das schon schaffen. Das hat eigentlich vorher noch nie jemand über ihn und seine Rechtschreibprobleme gesagt.

 

 

Die Innensicht von Kindern und Jugendlichen mit LRS

Selbst nach den vielen Jahren, in denen ich im Bereich Lerntherapie arbeite, bin auch ich ab und zu noch überrascht, wenn deutlich wird, wie Kinder und Jugendliche mit Lese-Rechtschreibschwierigkeiten ihre Probleme empfinden. Für viele oder auch die meisten Erwachsenen ist Lesen und Schreiben etwas, was sie ganz automatisch beherrschen, wie die Verkehrsregeln oder die Bedienung eines Autos. Man denkt nicht mehr groß darüber nach, wo das Gaspedal oder die Bremse ist oder wer an einer Kreuzung ohne Ampel zuerst fahren darf.

Für viele Kinder und Jugendliche mit LRS/Legasthenie sind die Bereiche des Lesens und Schreibens aber eine Quelle der Frustration und ein wunder Punkt. Sie verstehen nicht, wie Rechtschreibung aufgebaut ist und schämen sich auch unter Umständen, wenn sie merken, alle anderen kommen besser mit Lesen und Schreiben zurecht. Bei Jugendlichen, die schon seit der Grundschulzeit Probleme beim Schriftspracherwerb hatten, baut sich zudem noch Frust, Aggression oder Resignation auf, einfach, weil sie so vieles schon ausprobiert haben und nichts wirklich geholfen hat. Unter Umständen trägt so eine nicht erfolgreiche oder nicht wirklich qualifizierte Lerntherapie zur Verfestigung der Schwierigkeiten bei.

Lerntherapie setzt an den konkreten Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben an, aber auch an den Gefühlen, die mit dem Lerngegenstand Rechtschreibung oder mit dem Lernen allgemein verbunden sind, also zum Beispiel Scham, Wut, Verzweiflung und Resignation.

Nur so kann Niels sich sicher und verstanden fühlen. Nur wenn er sich emotional verstanden, akzeptiert und aufgefangen fühlt, wird er Kapazitäten frei haben, um sich dem Lernen, also dem Lesen und Schreiben (erneut) zuzuwenden.