Die ersten Stunden in der Lerntherapie

Niels geht jetzt zur Lerntherapie. Nach dem Test soll jetzt die eigentliche „Therapie“ losgehen. Er weiß gar nicht so genau, was das ist. Er hatte in der Schule schon „LRS-Förder“, das war aber sehr langweilig. Sie waren zu viert in einer kleinen Gruppe, drei Jungs und ein Mädchen. Die beiden anderen Jungs haben immer viel Blödsinn gemacht. Die Förderstunde fand immer in der sechsten Stunde statt. Alle anderen hatten da schon frei. Niels fand da mal wieder, dass Legasthenie oder LRS zu haben, schon eine ganz schöne Strafe ist. In der Stunde selbst haben sie immer Arbeitsblätter bekommen, die sie bearbeitet sollten. Das war auf die Dauer ganz schön langweilig.

Die erste „normale“ Stunde Lerntherapie läuft anders ab. Er findet es gut, dass er ganz alleine ist und die Therapeutin sich nicht noch um zwei oder drei andere Kinder kümmern muss. Die Therapeutin redet auch ziemlich viel mit ihm, sie fragt ihn, wie es ihm geht, wie es so in der Schule war. Die Therapeutin erklärt zu Anfang, wie die heutige Stunde ablaufen wird. Sie werden sich die Fehleranalyse noch mal angucken und dann was mit Wörtern machen. Zum Schluss der Stunde, in den letzten paar Minuten könnten sie noch was spielen, sagt die Therapeutin.

Niels und die Therapeutin gucken sich die Fehleranalyse noch mal. Niels sieht, dass in der oberen Reihe in ein paar Kästchen Wörter stehen, in anderen nicht. Die Therapeutin zeigt auf zwei Kästchen und sagt, dass sie jetzt erst mal daran arbeiten, dass in diesen beiden Kästchen bei der nächsten Fehleranalyse in ein paar Monaten weniger Fehler stehen. Niels ist sehr erleichtert. Die Fehleranalyse hat viele Kästchen und nur an diesen beiden zu arbeiten, wirkt auf ihn überschaubar. Wieder sagt die Lerntherapeutin, dass sie beide dass schon hinbekommen, da sei sie sich sicher. Sie habe schon Kinder gehabt, die hätten in den beiden Kästchen viel mehr Fehler als er und die hätten das auch geschafft. Langsam überlegt Niels, ob er diese Legasthenie vielleicht doch los bekommen kann. Wenn andere das auch geschafft haben. Nach dem Angucken der Fehleranalyse ist Niels erst mal erleichtert. Zwei Kästchen, das geht doch. Die Therapeutin fragt ihn, ob er mit macht? Na klar!

Danach sagt die Therapeutin, dass sie ihm nun einen Trick zeigt, mit dem er die Fehler in den ersten beiden Kästchen ganz einfach in den Griff kriegen kann. Er ist etwas skeptisch. Wenn das so einfach wäre, hätte er das doch bestimmt in der Schule schon gelernt, oder? Sie nimmt einen Stapel mit gelben Karten aus einem Korb auf dem Tisch und zieht eine Karte. Sie zeigt ihm die Karte. Da steht „Melonenschale“. Oh, gleich zu Anfang ein langes Wort, damit tut er sich in der Schule immer schwer. Die Therapeutin sagt ihm das Wort noch einmal ganz langsam in Silben vor. Dann sagt sie das Wort noch einmal in Silben und klatscht leise jede Silbe. Dann steht sie auf, sagt das Wort und macht für jede Silben einen Schritt seitwärts. Sie zeigt auch Niels genau wie das geht und nennt es Silbentanzen. Das mit den Silben haben sie in der ersten und zweiten Klasse auch so ein bisschen in der Schule gemacht. Niels findet eigentlich, dass er dafür jetzt zu alt ist, dass das eigentlich was für kleine Kinder ist. Dann sagt die Therapeutin aber, dass genau diese „Silbengliederung“ der Trick sei, mit dem er weniger Fehler in den ersten beiden Kästchen machen kann. Niels versteht das noch nicht richtig. In der Schule haben sie das doch auch gemacht, trotzdem sind die anderen immer besser beim Lesen und Schreiben geworden, er aber nicht. Vielleicht funktioniert dieser Trick bei ihm nicht. Die Therapeutin erklärt ihm, dass man 50 – 70 % der ganzen deutschen Wörter richtig schreiben kann, wenn man sich ein Wort gut in Silben zergliedern kann. Das sind ja über die Hälfte der deutschen Wörter, denkt Niels. Die Therapeutin sagt auch, wenn er das mit den Silben gut könne und üben würde, dann könnte er ganz, ganz viele Wörter richtig schreiben. Ob er da Bock darauf hätte? Niels überlegt. So schwierig scheint das mit den Silben nicht zu sein. Gut, das ist vielleicht ein bisschen nervig, wenn man das immer vorm Schreiben machen muss und eigentlich ist es auch Babykram, aber wenn man damit so viele Wörter richtig schreiben kann? Das wäre schon toll. Er hat immer gedacht, bei Rechtschreibung müsse man ganz viele komische Regeln kennen und immer im genau richtigen Moment anwenden, was er leider nie wirklich hingekriegt hat. Beim Silben zergliedern braucht man ja eigentlich gar nicht richtig nachdenken. Man muss sich nur das Wort langsam, deutlich und in Silben vorsprechen. Die Therapeutin sagt, dass er dann das Wort auch richtig schreiben kann. Also versucht er es. Die Therapeutin lässt ihn von dem Stapel 6 Wörter ziehen. Dann soll er sich die Wörter angucken und eine Reihenfolge machen, in der er die Wörter schreiben will. Er nimmt die längeren zuerst, dann sind die schon mal weg. Dann die mittleren und dann die kurzen. Dann geht’s los. Die Therapeutin diktiert ihm ein Wort. Sie macht das mit dem Silbensprechen noch mal vor, sie sagt ihm also das Wort normal vor und dann noch mal, in dem sie nach jeder Silbe eine kleine Pause lässt. Jetzt soll er das Wort auch noch mal in Silben sagen. Erst wenn er es deutlich und ganz richtig in Silben vorgesprochen hat, darf er es an die Tafel schreiben. Die Therapeutin sagt, auch beim Schreiben soll er sich ganz langsam das Wort Laut für Laut, Silbe für Silbe vorsprechen. Er soll immer den Laut schreiben, den er sich vorspricht. Hinterher soll er alles mit Silbenbögen noch mal kontrollieren, er soll sich also das Wort noch mal langsam vorlesen und gleichzeitig Silbenbögen darunter malen. Das dauert zwar alles ganz schön lange, aber er hat das erste längere Wort, das er gezogen hat, „Messerwerfer“, richtig geschrieben. Er ist ganz schön stolz auf sich. So machen die Therapeutin mit den Wörtern weiter. Wenn er ein Wort richtig geschrieben hat und auch mit den Silbenbögen fertig ist, fragt die Therapeutin immer noch, ob er wisse, was das Wort bedeute. Bei den meisten Wörtern weiß er das, die anderen erklärt ihm die Therapeutin. Als sie mit den Wörtern fertig sind, guckt die Therapeutin auf die Uhr. Sie haben noch ein paar Minuten. Jetzt darf Niels sich noch ein kurzes Spiel aussuchen. Er ist ziemlich zufrieden mit sich heute. Auch die Therapeutin hat gesagt, dass es schon gut geklappt habe.

 

 

Zusammenfassung – die ersten Stunden

Tatsächlich bearbeitet Niels in den ersten Stunden jeweils nur ein paar Wörter. Das Wichtige ist jedoch, dass er versteht, warum er zum Beispiel so etwas wie Silbengliederung (etwa mit Hilfe des Klatschens oder Tanzens) können soll. Was bringt es ihm persönlich, was hat er davon? Nur wenn er darin einen Sinn sieht, wird er diese grundlegende Rechtschreibstrategie auch anwenden. Es geht also nicht oder nicht in erster Linie ums Trainieren von Rechtschreibung, sondern um das Verstehen von Schriftsprache.