Eine „gute“ Lerntherapie eröffnet Möglichkeiten und grenzt diese nicht noch weiter ein.
Was hilft also in einer Lerntherapie? – Grundsätzliches

Anforderungen an die Lerntherapeutin

Die Arbeit als Lerntherapeutin setzt zunächst differenzierte Kenntnisse im Aufbau der Schriftsprache und in Lese- und Schreibentwicklungsprozesse voraus. Zudem erfordert diese Arbeit auch eine gewisse Haltung den Kindern und Jugendlichen gegenüber. Sätze wie: „Ach, das sind ja unsere kleinen Versagerlis!“ oder „Du wirst das sowieso nie lernen mit deiner Legasthenie!“ zeugen von einer abwertenden und einengenden, nicht gerade Möglichkeiten erweiternden Haltung, die in der Lerntherapie unangebracht ist.

Die Lerntherapeutin geht im Idealfall davon aus, dass jedes Kind sich entwickeln kann, sieht die Bemühungen des Kindes und bringt ihm Wertschätzung entgegen. Nur in so einer Atmosphäre kann sich ein Kind oder ein Jugendlicher entwickeln und Lernfortschritte machen und letztlich ein anderes Verhältnis zum Lernen und zur Rechtschreibung entwickeln. Wenn ein Kind oder ein Jugendlicher das Gefühl bekommt, selbst die Lerntherapeutin glaubt nicht an mich, verstärkt dies die negativen Gefühle in Bezug auf sich selbst, auf das Lernen allgemein und den Lerngegenstand Rechtschreibung noch.

 

Umgang mit Fehlern – Allgemeines

In dem vorangegangenen Fallbeispiel sagt die Lerntherapeutin zu Niels, sie fände Fehler interessant. Fehler werden in der Lerntherapie also anders bewertet, als zum Beispiel in der Schule, wo Fehler mit schlechten Noten sanktioniert werden.
Durch ihr Beispiel kann auch das Kind eine andere Einstellung zu Fehlern gewinnen. Wenn ein Kind bspw. für „klopfen“ –  „glopfen“ schreibt, bedeutet das, dass es die Laute „g“ und „k“ noch nicht so gut unterscheiden kann. Hier könnte die Lerntherapeutin im Verlaufe der Sitzungen mit Lautgebärden arbeiten, die das langsame Aufsagen des Lautes mit einer Handbewegung, also Gebärde, unterstützt und so das Verinnerlichen erleichtert. Der Rest des Wortes ist richtig geschrieben, was auf jeden Fall dem Kind gegenüber gewürdigt werden sollte.
Wenn ein Kind das Wort „spannend“ mit „schband“ verschriftet, zeigt dies, dass es zentrale Laute heraus hören kann, aber sich ein Wort noch nicht so gut zergliedern, also in Silben untergliedern kann. Hier wird die Lerntherapeutin am Aufbau der Fähigkeit arbeiten, sich Wörter deutlich in Silben vorzusprechen und sie sich so zu untergliedern.
Das Betrachten der Fehler kann Aufschluss darüber geben, auf welcher Stufe des Schriftspracherwerbs das Kind steht und welche die nächsten Schritte in der Therapie sein können. Die Betrachtung der Fehler, auch durchaus mit dem Kind zusammen, kann so zu etwas Spannendem und Interessantem werden.
Statt , wie ja in der Schule oder Nachhilfe zumeist auch, einfach nur festzustellen „Das Wort ist falsch!“ kann man also fragen „Was hast du dir überlegt, als du das Wort so geschrieben hast?“ und dann mit dem Kind zusammen weitere oder andere Strategien überlegen, mit deren Hilfe man Wörter richtig schreiben kann.

 

In der ersten Stunde: Haltung der Lerntherapeutin dem Kind bzw. der Familie gegenüber und Auftragsklärung

Bereits und gerade in der ersten Stunde, ist es wichtig, dem Kind oder Jugendlichen mit Lernstörungen eine Haltung der Wertschätzung und Einfühlung gegenüber zu zeigen und ihm eine Perspektive aufzuzeigen bzw. mit dem Kind oder dem Jugendlichen zusammen ein Ziel zu überlegen. Fragen an Eltern und Kind/Jugendlichen wie „Was sollte hier dabei herauskommen?“, „Woran sollten wir hier am Dringensten und zuerst arbeiten?“ oder auch „Was wollt ihr/du hier erreichen?“ helfen dabei. Diese Fragen tragen zur Auftragsklärung bei, das bedeutet, die Lerntherapeutin sieht die Familie als Kunden, die einen bestimmten Auftrag für sie haben. Diese Haltung ist Teil einer systemischen Perspektive. Die Klienten werden als Auftraggeber gesehen und als diese wissen sie eigentlich genau, was sie wollen. Diese Sichtweise stellt die Selbstverantwortung und Selbstwirksamkeit, also die Überzeugung, ein Ziel selbst, auch wenn es mit Hilfe ist, erreichen zu können in den Vordergrund. Dies ist eine wichtige Grundlage für die Therapie. Nur wenn ein Kind überzeugt ist, mit den Schwierigkeiten grundsätzlich umgehen zu können, wenn auch mit Hilfe der Lerntherapeutin, wird es im Verlauf der Förderung aktiv und motiviert mitarbeiten und letztlich etwa Rechtschreibregeln auch eigenständig anwenden. Kindern, denen erzählt wird, sie hätten eine Krankheit oder eine Behinderung und nur die Lerntherapeutin könne machen, dass diese weg gehe, erreichen in der Regel nicht diesen Grad der Selbständigkeit, der nötig ist, um nach einer Zeit der Therapie eigenständig das Gelernte nutzen zu können.

 

Zusammenfassung: Wichtige Punkte in den ersten Lerntherapie-Stunden

Ein Lese-Rechtschreibtest sowie eine differenzierte Fehleranalyse sind Voraussetzungen für eine gezielte Förderung im Lerngegenstand Lesen und Schreiben. Ohne dies ist eine qualifizierte Lerntherapie in meinen Augen nicht möglich.
Die Lerntherapeutin geht davon aus, dass die Probleme sich zumeist nicht nur auf die Anzahl der Fehler beziehen, sondern dass das Problem auch eine emotionale Seite hat. Was denkt und fühlt das Kind, der Jugendliche bzw. die Familie über die Schwierigkeiten? Was erzählt die Familie für eine Geschichte über die Schwierigkeiten? Die Wirklichkeit der Familie hat in der systemischen Lerntherapie eine hohe Bedeutung und sollte dort in den ersten Gesprächen ihren Platz haben. Die systemisch orientierte Lerntherapeutin fragt also ganz konkret danach. Findet die Familie die Schwierigkeiten schlimm? Findet nur die Mutter die Schwierigkeiten schlimm, der Vater aber gar nicht? Glaubt das Kind, die Schwierigkeiten jemals bewältigen zu können? Lerntherapie, gerade systemische Lerntherapie nimmt diese Überzeugungen in den Blick und arbeitet damit und daran. Mittelfristiges Ziel ist es, dass die Schwierigkeiten dem Kind und der Familie bewältigbar erscheinen. Nur so kann es zu einer tatsächlichen und nachhaltigen Lösung der Schwierigkeiten kommen.